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Logbuch-Eintrag

Der Kompass ist kein Dashboard

Im Cockpit hängt ein Instrument, das fast niemand beachtet. Zwischen den großen Bildschirmen, meist oben am Rahmen: der Magnetkompass. Eine Nadel, etwas Flüssigkeit, ein Gehäuse. Kein Prozessor, kein Update, kein Abo. Er ist in jedem noch so modernen Jet vorgeschrieben — nicht aus Nostalgie, sondern weil er das einzige Instrument ist, das noch funktioniert, wenn der Strom weg ist.

Ich musste in den letzten Jahren oft an dieses Instrument denken. Meistens in Besprechungsräumen.

Organisationen lieben Dashboards. KPIs, OKRs, Scorecards, Ampeln in drei Farben. Verstehen Sie mich nicht falsch: Dashboards sind nicht das Problem. Ich habe selbst genug davon gebaut, und wer ein komplexes System betreibt, braucht Instrumente. Das Problem beginnt an der Stelle, an der jemand glaubt, das Dashboard sei die Wirklichkeit. Ab da wird nicht mehr geführt, sondern abgelesen.

Der Unterschied zwischen Dashboard und Kompass ist kein Wortspiel. Ein Dashboard zeigt, wo du warst. Jede Kennzahl ist Vergangenheit — gestern gemessen, vorgestern entstanden. Ein Kompass zeigt, wohin du gehst. Richtung ist keine Messung. Richtung ist eine Entscheidung.

Und dann ist da noch der Unterschied, der mir der wichtigste ist: Ein Dashboard braucht Strom. Ein Kompass nicht. Übersetzt heißt das: Kennzahlensysteme funktionieren, solange die Lage stabil ist — solange Zeit bleibt, Daten sauber sind, Verfahren greifen. Genau dann, wenn es ernst wird, fällt das alles aus. Die Zahlen widersprechen sich, die Zeit fehlt, der Fall steht in keinem Handbuch. Was in diesem Moment trägt, ist das, was vorher schon da war. Oder eben nicht.

Ich habe für mich vier Richtungen festgelegt: Foresight, Integrity, Leadership, Humanity. Absichtlich keine Ziele. Norden erreicht man nicht — man hält ihn. Das ist der Kern der Sache: Werte sind nichts, was man abhakt. Wer bei Integrität „90 Prozent“ erreicht, hat nicht fast bestanden. Er hat gelogen.

Deshalb misstraue ich Wertekatalogen mit Reifegradmodell und Kulturprogrammen mit Quartalszielen. Nicht, weil die Absicht falsch wäre. Sondern weil sie aus einer Richtung ein Ziel machen — und aus einem Ziel etwas, das man verschieben, verhandeln und irgendwann leise beerdigen kann. Eine Richtung kann man nicht verschieben. Man kann sie nur halten oder verlassen. Und man merkt es genau in den Momenten, in denen es unbequem wird: wenn die richtige Entscheidung Geld kostet, ein Projekt gefährdet oder einen wichtigen Menschen verärgert.

Der Magnetkompass im Cockpit wird fast nie gebraucht. In tausenden Flugstunden schaut man vielleicht eine Handvoll Mal ernsthaft darauf. Trotzdem würde niemand ohne ihn starten.

Mit Haltung ist es genauso. An guten Tagen wirkt sie überflüssig. Gebraucht wird sie an den anderen.

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